Wenn der Einäugige mit dem Blinden unzufrieden ist, wie geht es dann dem zweiäugigen mit dem Einäugigen?

von Claudia Ehle

Wir erleben gerade schwere Zeiten. Nie waren die Missstände in der Gesellschaft so offensichtlich dargelegt, man muss ja förmlich darauf aufmerksam werden. Egoismus, Gier und Narzissmus sind eher die Regel, als die Ausnahme.

Selten nehmen Menschen die Dinge so oder nur bedingt so wahr, wie sie sind. Deshalb haben sich erfreulicherweise Menschen hervorgetan oder zusammengeschlossen, die sich mit vollem Einsatz für hehre Ziele engagieren und sich nicht scheuen, trotz des Gegenwindes und der Konsequenzen Format zu zeigen. Ich bin sehr froh darüber, dass solche Menschen in unserer Gesellschaft noch zu finden sind, doch es sind meiner Wahrnehmung nach eher die Ausnahmen, als die Regel. 

Wachsamkeit heißt das Zeichen der Zeit. Der Narzisst jedoch ist in beiden Lagern zu finden und erfreut sich durch sein neues wohltätiges Engagement bedingt voller Aufmerksamkeit. Den blinden ankreidend, dass sie nicht sehen würden, vergisst der Einäugige leicht, dass auch er auf einem Auge blind ist und nicht wahrnimmt, dass auch er ausblendet oder verleugnet auf seine Weise.

Andere Menschen zu beherrschen, zu bevormunden oder auszubeuten oder auf bösartigste Weise hinters Licht zu führen, sind Attribute, die in der heutigen Zeit gesellschaftsfähig sind. Die Gegenseite versucht gleichzeitig, in zum Teil ähnlicher Manier dagegenzuhalten. Gar mancher gibt sich als Retter in der Not, als Zufluchtsort für Menschen aus, wobei sich die Rettung mit Wachsamkeit betrachtet als ebenso hinterhältig und egoistisch herausstellt.

Manch Erwachter erweist sich nach genauerem hinsehen eben nicht ganz erwacht. Die so häufig zitierte "neue Zeit" beginnt nicht gerade jetzt sondern unaufhaltsam, jede Sekunde, mit jedem Schritt, den wir in Richtung Zukunft setzen. Und es wird in der Menschheitsfamilie noch viel Schmerz, Leid und Arbeit vonnöten sein, damit sich der Anstoss zur Veränderung Zug für Zug positiv entwickelt. Ein wohlklingendes Wort oder anders gesagt ein in den Himmel projiziertes Versprechen, das der Projizierende nicht einzuhalten imstande ist, erweist sich manches Mal als Fata Morgana.

Worten sollten Taten folgen!

Lauschen wir den Dingen und beobachten aufmerksam, was die Zeitqualität mit sich bringt. Versuchen wir das umzusetzen, was uns in unserem Rahmen möglich ist.